Micha­el Edel­mann
Eigen­wil­lig war Micha­el Edel­mann schon als Her­an­wach­sen­der. Mit 17 ver­ließ er vor­zei­tig die Schu­le und bewarb sich an der Ham­bur­ger Hoch­schul­de für Bil­den­de Küns­te (HBK),mit Erfolg! Hier lern­te er bei Prof. Thie­mann, Rudolf Haus­ner, Beuys und ande­ren. In Ham­burg lie­gen sei­ne Wur­zeln, hier wur­de er 1957 gebo­ren, und hier ver­brach­te er sei­ne Kind­heit. Der elter­li­che Künst­ler­haus­halt muss­te zwar mate­ri­ell kämp­fen, doch dafür hat­ten sei­ne Eltern, bei­de Maler, natur­ge­mäß Ver­ständ­nis für sei­ne Ent­schei­dun­gen und för­der­ten sein Talent von Anfang an. Prä­gend waren sicher­lich auch die sieb­zi­ger und acht­zi­ger jah­ren, die Micha­el Edel­mann als Teil einer Sze­ne erleb­te, die außer­halb des kauf­män­nisch gepräg­ten Ham­burg stand. Fast ein wenig nost­al­gisch wird der Maler, wenn er über sei­ne Erfah­run­gen als Zeich­ner in den Hafen­k­nei­pen St. Pau­lis spricht, Ein­drü­cke, die er bis heu­te nicht mis­sen möch­te.
Um so stär­ker schient der Bruch, als er mit Ehe­frau Corin­na Swart 1989 ins Müns­ter­land zog. Das alte Fach­werk­haus am Orts­rand von Horst­mar bil­det heu­te sei­nen Lebens- und Arbeits­mit­tel­punkt. Zeit­gleich mit dem äuße­ren Ein­schnitt ver­än­der­te sich auch sei­ne Male­rei. Wäh­rend er frü­her die gegen­ständ­li­che, ja natu­ra­lis­ti­sche Male­rei bevor­zugt hat­te, wur­den sei­ne Arbei­ten nun abs­trak­ter. Auch das For­mat veran­d­er­te sich. „Ich konn­te nicht mehr klein­for­ma­tig malen. Ich brauch­te das Gro­ße, um mich in vol­lem Maße ent­fal­ten zu kön­nen“, so der Maler. Statt wei­cher Lein­wän­de wähl­te er zuneh­mend har­te Unter­grün­de wie Holz, also Mate­ria­li­en, die sich ihm ent­ge­gen­set­zen und die er in phy­si­schem Akt mit Krat­zer und Flex regel­recht zu „ver­let­zen“ sucht. So kör­per­lich der Vor­gang des Malens bei Micha­el Edel­mann auch ist, so gibt es doch kein ande­res Medi­um als die Male­rei für ihn. Bild­haue­rei erscheint ihm bereits zu kon­kret: „Im Zwei­di­men­sio­na­len der Male­rei ist die Abs­trak­ti­on des Gegen­ständ­li­chen schon vor­han­den,“ erklärt er.
Trotz des Abs­trak­ti­ons­gra­des sei­ner Arbei­ten, steht für ihn der Mensch im Mit­tel­punkt sei­nes Schaf­fens und sei­nes Lebens — eine Par­al­le­le zu Vater Han­no. Micha­el Edel­mann, Ehe­mann und Vater zwei­er Söh­ne, ist lebens­fro­her  hil­an­throp — man besu­che ihn nur ein­mal im Horst­ma­rer Atelier/ Wohn­haus und genie­ße die Gast­freund­schaft und sinn­lich fass­ba­re Lebens­freu­de der Fami­lie — und doch schöpft er wie so vie­le Künst­ler die exis­ten­zi­el­le Not­wen­dig­keit des schaf­fens aus den Schat­ten­sei­ten des Lebens, den Ängs­ten vor Tod und Ver­lust. Für Micha­el Edeh­nann gab es nie eine Wahl: Künst­ler sein und Kunst zu schaf­fen, ist für ihn exis­ten­zi­ell und kei­ne for­ma­le Spie­le­rei.
„Kunst ist iden­tisch mit dem Leben und die Male­rei, ins­be­son­de­re die Abs­trak­ti­on, schlicht­weg der Ver­such zum eigent­lich Kern zu kom­men.“ Sei­ne Bil­der sind immer groß und aus­drucks­stark und reprä­sen­tie­ren doch kei­nen fest­ge­leg­ten Stil. Vehe­ment lehnt der Künst­ler jeden Duk­tus, jedes Selbst-Zitat oder gar Anpas­sung an einen Kunst­markt ab und bezieht des­halb häufig den Zufall als Akteur mit ein: „Das Ziel ist es in sich hin­ein­zu­ge­hen und dann über sich hinauszugehen.“

Über­drüs­sig bin ich der nai­ven Bil­der, der Bil­der von etwas.

All­tag und Sonn­tag, Gar­ten und Haus, selbst die Mei­nen, ihr Lachen, ihr Spie­len, ihre Freu­de, hab ich zu Her­zen genom­men; mög­lich wäre, sie auf die Lein­wand zu ban­nen. Doch nur mit Ver­lust, mit Trau­er nur: Ihr Leben, jedes Leben, ist rei­cher als sein mög­li­ches Abbild. Wie­wohl ich mei­ne Welt lie­be, ich setz­te ein ver­dünn­tes, ein beschnit­te­nes Zeichen.

Mich zieht das Geheim­nis an, das, was noch nicht offen­bar wur­de; ein Unbe­stimm­tes drängt, sich bereit zu machen für noch Unbe­kann­tes, mich zieht an, was heu­te vor uns steht.

Ich suche die Stil­le, ent­äu­ße­re mich der Vor­stel­lungs­bil­der. In mei­nem Kopf, im Hin­ter­kopf, wer weiß, in wel­chem Halb­be­wußt­sein, in wel­chem Becken der Erin­ne­rung, da steht fah­les Hell; mir ist, als habe mei­ne Mut­ter mir ein­mal gesagt: Die Ewig­keit ist weiß.

Ich war­te, die letz­ten Bild­sche­men schwin­den, ich mische die ers­ten Far­ben, tra­ge Weiß-grau auf, ste­hend, mit erho­be­ner Hand, bereit, mich füh­ren zu las­sen: ich male.

Ein Fleck ent­steht, belebt sich, wächst, ver­liert sei­nen Cha­rak­ter als Farb­fleck, ein Unbe­kann­tes scheint auf, Neu­land am Hori­zont, noch dünn, unsi­cher, gehaucht — ich streue ein­zel­ne Sand­kör­ner auf die Far­be, über­strei­che, sehe, gebe uns Zeit, ver­ges­se die Zeit, stim­me zu.

Wie behut­sam ich sein kann! Hier laß’ ich wach­sen, da ist zu dämp­fen; umkrei­se, umschwin­ge die­ses “Wei­ße Loch”. Lao­t­ses Aus­spruch fällt mir ein: “Sprich, damit ich dich sehe!”

Bin ich arm im Geis­te, glückt der Dia­log. Das Bild führt, ich spie­le mit, Autor oder Wei­sungs­emp­fän­ger, ist unwich­tig, ich wer­de stim­mig mit der Gestal­tung, ich’­bin ein­ge­tre­ten in das leben­di­ge Sys­tem des Wer­dens. Es ist gut, so stim­mig zu sein mit ihm, in der Kor­re­spon­denz mit dem Pro­zeß, beim Ver­dich­ten hier in dem Mit­tel­strei­fen, beim Krat­zen im Unter­teil, als wollt’ ich schnei­den, ver­let­zen, beim Ein­streu­en der Sand­kör­ner, hier und dort — ver­giß die Mas­se nicht, die Ker­ne! Der Geist weht, wo er will. Zufäl­lig bricht ein Stück Färb- und Mate­ri­al­auf­trag aus dem Bild, aus sei­nem Mit­tel­teil. Auch die­sem Zufall stim­me ich zu.

Mein Freund wird die­ses Bild “Die Tran­szen­denz­er­fah­rung eines Rea­lis­ten” nennen.

Joa­chim Lucas